Bruno Bader
«Das Christentum ist keine Wellness-Religion!»
TEXT: HANS-UELI TSCHANZ
BILDER: MARCO MINNIG, MÜLLER MEDIEN
Der 63-jährige Bruno Bader wird nach 18 Jahren als protestantischer Pfarrer das Saanenland Ende März 2026 verlassen. Er fühlte sich in dieser Zeit von der Kirchgemeinde stets getragen, wie er betont. Nie habe er sich als Netzwerker der Zivilgesellschaft verstanden, sondern als Theologe. Ihm war immer wichtig, das Evangelium zu vertreten und nicht weichgespülte Sätze oder Plattitüden zu predigen. Als belesener Mensch steht er gleichzeitig mit beiden Beinen im öffentlichen Leben und äussert sich dezidiert zu Themen wie Migration, Antisemitismus, Rückgang des Christentums in der westlichen Welt sowie Wokeismus. In einem neu beginnenden Lebensabschnitt will er mit Gefängnisbesuchen Freiwilligen-Arbeit leisten, demnächst mit Vorlesungen an die Universität zurückkehren und Russisch lernen – um den Roman Anna Karenina von Leo Tolstoi in der Originalsprache zu lesen. Im nachfolgenden Gespräch zeigt sich Bruno Bader auch betroffen von der Anbiederung der Kirche an den Zeitgeist, die sich in Westeuropa mehr und mehr ausbreitet.
Bruno Bader, der Philosoph Jürgen Habermas hat kürzlich darauf hingewiesen, dass die Kirche ihr Verständnis des Christentums aufweiche, um es zu konfektionieren. Und dass sie sich damit selbst aufzuheben drohe. Das europäische Christentum, so Habermas, sei auf dem Weg dazu, eine Art Wellnessangebot zu werden. Können Sie diese etwas provokative Haltung eines bekannten Philosophen nachempfinden?
Ja. Für mich war es immer wichtig, nicht eine Wohlfühlreligion zu predigen, sondern das Evangelium. Die Wohlfühlreligion findet sich an vielen Orten bei Kirchenvertretern, im Sinn von «Es kommt schon gut, der liebe Gott hat uns lieb und wir müssen auch lieb zueinander sein». Das ist theologischer Unsinn, denn manchmal kommt es überhaupt nicht gut und der liebe Gott, der hat auch ein finsteres Gesicht, nämlich wenn eine junge Frau an Krebs erkrankt. Ob es schon gut kommt, wissen wir dann nicht bzw. was kann in einem solchen Fall heissen, «es kommt gut». Den Leuten ist es wichtig, wenn sie in den Gottesdienst kommen, dass sie etwas hören, das Substanz hat. Keine weichgespülten Sätze. Und deshalb habe ich mich auch immer bemüht, Substanz zu bieten. Ich verstehe Leute, wenn sie sagen: Mit einer solchen Kirche, die Inhalte erzählt, welche ich auch bei jedem Parteitag der SVP oder der Grünen hören kann, kann ich nichts anfangen.
Viele fortschrittlich Denkende sind überzeugt, mit dem Siegeszug der Naturwissenschaft werde der Kern der Religionen ausgehöhlt. Das Wissen werde den Glauben ablösen?
Ich halte den Glauben und die Naturwissenschaft für keine Gegensätze. Ich stelle fest, dass in dieser Welt, die rational und durchgetaktet und wo alles erklärbar und auf irgendwelchen Algorithmen aufgebaut ist, sich wieder Menschen finden, die sich nach Verzauberung und Unerklärlichem sehnen. Der Glaube an den Rationalismus hat nicht zu mehr Frieden geführt. Offensichtlich erkennen wir, dass wir ein Defizit an Unbekanntem, Mysteriösem haben und uns nach «dem Heiligen» sehnen. Leider aber suchen das viele Menschen nicht mehr in den etablierten Kirchen, sondern im Esoterischen. Da gibt es zum Teil viel Unsinn. Ich glaube also nicht, dass das Bedürfnis nach Religiosität abgenommen hat, aber dass die etablierten Kirchen nicht mehr als erste Ansprechpartner dienen. Ein möglicher Grund dafür liegt in einer umgreifenden Anbiederung an den Zeitgeist. Die grossen Fragen, wie der Beginn des Lebens, woher wir kommen, dann die Themen Tod, Sterben, die Frage nach dem jüngsten Gericht, nach Schuld, Vergebung, Erlösung – diese grossen christlichen Themen spielen in einer solchen weichgespülten Frömmigkeit überhaupt keine Rolle mehr.
«Ich halte den Glauben und die Naturwissenschaft für keine
Gegensätze.»
Wie würden Sie diesen Zeitgeist definieren?
Es gibt gewisse Themen, die den Zeitgeist ausmachen. Wokeness, Klima, Migration, Gender. Alles Themen, die wichtig sind. Aber bis vor kurzer Zeit war jeweils in der öffentlichen Debatte zu jedem der Themen nur eine Antwort richtig, und wer als Theologe von diesem Mainstream abwich, der hatte sozialen Schaden zu befürchten. In der Schweiz vielleicht weniger als in Deutschland. Wokeness zum Beispiel ist ein Anliegen, welches ich als positiv erachte. Ich bin empfindsam für Minderheiten und ihre Anliegen. Das ist ja Wokeness. Nämlich die Mehrheit schaut auf die Minderheit und ihre Bedürfnisse. Das Problem ist allerdings: Wenn die eine Seite ein Bedürfnis nicht wahrnehmen will oder nicht wahrzunehmen scheint, dann ist die andere Seite permanent beleidigt und fühlt sich zurückgesetzt. Das führt dann zu einer dauerhaften Aufregung und schaukelt sich in den sozialen Medien hoch. Ich halte das für schwierig, weil zum Leben gehört zuweilen, zurückgesetzt zu werden. Ich und meine Bedürfnisse stehen nicht dauernd im Zentrum der Aufmerksamkeit, das Leben ist nicht immer freundlich zu mir. Und ich glaube, es müssen alle lernen, damit umzugehen. Und Personen auf gewisse Merkmale zu reduzieren, sei es auf ihre Herkunft, ihre Hautfarbe, ihre Sprache oder Religion, bedeutet ein Zurück in vormoderne Zeiten. Die Errungenschaft der Aufklärung ist doch, jeder ist gleich, egal ob er Bauer oder Standesherr ist. Die Wokeness-Bewegung dagegen dreht das Rad zurück. Das ist fatal. Ich halte die Wokeness-Bewegung für in Teilen anti modern und rassistisch, weil sie sagt, das Wort einer schwarzen Frau gilt mehr als das Wort eines weissen Mannes.
Bruno Bader
“Christianity is not a wellness religion!”
63-year-old Bruno Bader will leave the Saanenland at the end of March 2026 after 18 years as a Protestant pastor. He always felt supported by the parish during this time, as he emphasises. He never understood himself as a networker of civil society, but as a theologian. He has always felt it was important to represent the Gospel and not to preach soft-soaped sentences or platitudes. As a well-read person, he is at the same time fully engaged in public life, expresses firm views on topics such as migration, anti-Semitism, the decline of Christianity in the Western world and wokeism. In a new chapter in his life, he wants to do volunteer work involving prison visits, return to university soon to hold lectures, and learn Russian – in order to be able to read the novel Anna Karenina by Leo Tolstoy in the original language. Bruno Bader is also dismayed by the Church’s decision to curry favour with the zeitgeist, which is spreading more and more in Western Europe. Church representatives in many locations advocate a feel-good religion, in the sense of “things will turn out just fine. Dear God loves us, and we must also be kind to each other”. That is theological nonsense, because sometimes it does not end well at all and dear God also has a dark side, namely when a young woman falls ill with cancer. Bruno Bader does not see faith and science as opposites. The belief in rationalism has not so far led to more peace in the world.
Kommen wir noch zum Thema Migration. Die Vermischung von Kulturen. Führt das auch zu einer Unübersichtlichkeit unter den Religionen, oder gar zum Kulturkampf in der Schweiz und in Europa?
Migration ist grundsätzlich eine Bereicherung. Vertreter anderer Kulturen treten auch in religiösen Fragen zum Teil sehr selbstbewusst auf. Junge Muslime bekennen sich mit breiter Brust zum Islam. Hingegen, ja, ich bin Christ, das hört man kaum noch. Ich wünschte mir, dass uns diese Herausforderungen durch einen selbstbewussten Islam zu einem selbstbewussteren Christentum führten. Nicht im Sinne von «wir sind besser», sondern im Sinne eines selbstbewussten Nebeneinanders, zumal ja das Christentum unsere Kultur geprägt hat wie keine andere Bewegung. Und das wissen viele kaum mehr, was ich bedaure. Vielleicht machen wir zuweilen den Fehler als Staat und Gesellschaft, dass wir Migration oder Einwanderung zu wenig als Leistung verstehen, die Eingewanderte erbringen sollten. Wir machen zu viele Kompromisse und sagen zu wenig: In der Schweiz oder in Europa haben wir diese Praxis, was das öffentliche Leben anbelangt. Also im Sinne, dass jene, die zuwandern, eine Bringschuld in Sachen Integration haben. Da sind wir zuweilen zu vorsichtig. Statt die eigenen Traditionen zu verteidigen, gibt man sie preis. Der Streit um das Singen von Weihnachtsliedern in der Schule, die Debatten um Kreuz und Kopftuch – überall sucht man nach Lösungen, um Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, an denen Angehörige anderer Religionen Anstoss nehmen könnten.
Macht Ihnen der zunehmende Antisemitismus Sorgen
Mich erschüttert der offene Antisemitismus in vielen Teilen der Gesellschaft. Ich bin entsetzt, wenn ich sehe, dass junge Leute Symbole der Hamas verwenden und antisemitische Parolen skandieren, etwa den Ruf «From the River to the Sea». Solche Leute haben keinerlei geschichtliche Kenntnisse. Für sie beginnt die Welt erst im Jahr 1948. Auf dem heutigen Staatsgebiet von Israel haben aber schon vor 3000 Jahren Juden gelebt. Nicht nur, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich halte eine Zweistaatenlösung auch für sinnvoll. Aber die Juden haben das Recht, dort zu leben.
Wie sehen Sie die Entwicklung des Christentums weltweit?
In Afrika, Südostasien und Südamerika wächst das Christentum massiv, wohingegen es sich in Westeuropa auf dem Rückzug befindet und zunehmend an Bedeutung verliert. Das protestantische genauso wie das katholische, obwohl die Verantwortlichen der Kirchen alles tun, um mit der Zeit zu gehen und den Rückgang zu verhindern. Laut den jüngsten Studien des Pew Research Centers gibt es weltweit 2,3 Milliarden Christen. Das Christentum ist nach wie vor die grösste Weltreligion. Es folgt der Islam, der weltweit knapp 2 Milliarden Mitglieder zählt. Auch kleinere Religionen wie der Hinduismus und das Judentum legen zu. Und: Es ist meines Erachtens nicht per se eine Bedrohung, wenn die christlichen Gemeinden in Europa kleiner werden. Unser Meister hat keine Bewegung für die Mehrheitsgesellschaft gegründet.
Bruno Bader, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Bruno Bader
«Le christianisme n’est pas une religion bien-être!»
A 63 ans, Bruno Bader quittera le Saanenland fin mars 2026, après y avoir passé dix-huit ans comme pasteur de l’Eglise réformée. Il souligne que durant cette période, il s’est toujours senti soutenu par la communauté paroissiale. Il ne s’est jamais considéré comme quelqu’un qui réseaute dans la société civile, mais comme théologien. Pour lui, il a toujours été important de témoigner de l’Evangile et non de prêcher des phrases édulcorées ou des platitudes. Comme que personne cultivée, il s’engage en outre pleinement dans la vie publique, s’exprime avec conviction sur des thèmes tels que la migration, l’antisémitisme, le déclin du christianisme dans le monde occidental et le wokisme. Dans cette nouvelle étape de vie, il désire faire du bénévolat en rendant visite à des prisonniers, retourner bientôt donner des séminaires à l’université et apprendre le russe, afin de pouvoir lire le roman «Anna Karénine» de Léon Tolstoï dans la langue originale. Bruno Bader se montre touché par la tendance qu’a l’Eglise à se conformer à l’esprit du temps, qui se répand de plus en plus en Europe occidentale. La religion bien-être se manifeste à bien des occasions parmi les représentants d’Eglises, sous forme de «ça ira bien, le Bon Dieu nous aime et nous devons aussi nous aimer les uns les autres». C’est un non-sens théologique, parce que parfois, cela ne va pas bien du tout et le «Bon Dieu» a aussi une face sombre, notamment lorsqu’une jeune femme est atteinte d’un cancer. Bruno Bader ne considère pas la foi et les sciences naturelles comme antagonistes. Croire au rationalisme n’a jusqu’à présent pas conduit à davantage de paix dans le monde.















































