Florian Fox
«Wir vermissen in der Country-Szene eine
Integrationsfigur wie Johnny Cash»
TEXT: HANS-UELI TSCHANZ
BILDER: RETO HAMMER FOTOGRAFIE
Florian Fox erscheint pünktlich am Sonntag um 08.30 Uhr im Huus Hotel Gstaad, Saanen, zum Gespräch. Hinter sich hat er zwei grosse Abende auf der Hauptbühne der Country Night Gstaad 2025. Wir begegnen einem sehr nahbaren und gut gelaunten Musiker, so als wäre er eben retour aus den Ferien. Florian bezeichnet gleich zu Beginn die Country Night Gstaad als ein Gesamtkunstwerk. Im nachfolgenden Gespräch zeichnet er aus seiner persönlichen Sicht die Entwicklung der Country-Szene nach und bedauert, dass es heute keine Musiker mehr gibt, die die Welt vereinen können – wie dies früher Johnny Cash in den 60er- und 70er-Jahren, zu Zeiten des Vietnamkriegs und des Mordes an Martin Luther King in Amerika, tat. Trotzdem kann er dem Trend von Country hin zum Pop viel Positives abgewinnen und denkt dabei auch an Frauengrössen wie Taylor Swift.
Florian Fox, wir sprechen dich heute mit diesem Namen an, weil unter diesem Namen bist du bei deinen Fans bekannt. Nebenher pflegst du noch ein anspruchsvolles Berufsleben, das dich auch fasziniert. Und alles scheint sehr schön aufzugehen.
Die Fans sollen mich hier als Country-Musiker sehen. Ich verstehe auch, dass die Leute gerne mehr darüber wissen und schreiben möchten. Ich bin dazu übergegangen, mich als «Artist in my own right» zu sehen und halte meine verschiedenen Aktivitäten im Leben auseinander, indem ich oft mehrere Bälle in der Luft halte … (lacht).
Anstrengend?
Ab und zu. Aber ich habe ein gutes Umfeld, das mich trägt.
Du hast eben zum zweiten Mal, nach 2023, auf der Hauptbühne grosse Begeisterung ausgelöst. Es ist Sonntag nach zwei faszinierenden Shows. Wie geht es dir?
Fantastisch! Die Country Night Gstaad war für mich als Musiker immer ein grosser Traum. Es ist die perfekte Mischung aus True Country und einer wirklich einmalig schönen Atmosphäre. Wir haben in der Schweiz kein vergleichbares Festival, eingebettet in ein atemberaubendes Bergsetting. Ich habe noch nie ein Festival erlebt, das diese Aspekte so gekonnt verbindet wie Gstaad. Die Organisatoren haben es geschafft, ein internationales Publikum anzuziehen. Country-Fans kommen sogar aus den USA angereist, um ihre Stars zu erleben. Sie sind hier näher an den Stars dran als anderswo. Das macht Gstaad so einzigartig. Es verhilft den Künstlern zu einer europaweiten Ausstrahlung. Die Bühne im Festivalzelt Gstaad ist für mich «The Magic Circle of Country Music». Ich habe immer das Gefühl, die Bühne im Festivalzelt sei aus der Grand Ole Opry in Nashville herausgesägt worden – dem berühmten Parkett, dem Magic Circle of Country. Als wäre ein Teil davon nach Gstaad transportiert worden. Grosses Kompliment an Marcel Bach, Heidi Raaflaub und die vielen Helferinnen und Helfer.
Wie verbringt man als Band die Tage am Festival in Gstaad?
Alles geht wie im Flug. Am Donnerstag die Western Party auf dem Glacier 3000: Künstler, Organisatoren und Supporter lernen sich gegenseitig kennen. Gemütliches Zusammensein inmitten einer bestechenden Gletscherkulisse. Man spürt dort den Hauch von Welt. Es ist lustig, wenn man die Musiker aus den USA über den Sky Walk balancieren und in die Tiefe blicken sieht. Der Freitag dann gestaltet sich sehr intensiv mit Soundchecks am Nachmittag. Wer abends als Erster spielt, ist am Nachmittag als Letzter beim Soundcheck. Dann folgt der Nervenkitzel. Ich ziehe mich zurück und verbringe die Zeit für mich alleine, um mich für die Ansagen während des Konzerts vorzubereiten. Jeder Auftritt braucht ein Gerüst – darum herum später viel Spontaneität als Seele der Show. Man wartet ab, wie das Publikum reagiert, und der Act zieht mit. Das ist die eigentliche Magie, der Funke der Show. Es gibt nichts Berührenderes, als wenn du und 3000 Menschen die gleichen Emotionen teilen.
Und wenn nicht?
Dann hast du etwas falsch gemacht.
Wie beurteilst du die Entwicklung in der Country Music?
Es hat verschiedene Entwicklungen gegeben über die zurückliegenden Jahrzehnte. Woody Guthrie war einer der Väter der Country Music. Seine Aufnahmen sind sehr traditionell, und der Sound ist für heutige Country-Fans zum Teil gewöhnungsbedürftig – aber mit viel Ehrlichkeit, Reinheit und Klarheit. Zum Beispiel der Song «This Land Is Your Land» ist über die Country-Szene hinaus bekannt. Eine Mischung aus Blues, Country und Rock’n’Roll begann dann in den 50er-Jahren mit Johnny Cash, Elvis Presley, Roy Orbison, dem Million Dollar Quartet etc. Dort spielten die gesellschaftlichen Konflikte mit – Martin Luther King und der Vietnamkrieg. Diese Zeitepoche wurde von Johnny Cash stark geprägt. Er schaffte es, mit seiner Musik eine Brücke zu schlagen zwischen den eher konservativen, traditionellen Countryfans zur jungen Folkbewegung, den Kriegsgegnern und 68ern. Das war die ganz grosse Leistung eines Johnny Cash Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre. Eine ganze Nation ist hinter ihm gestanden.
Und wo stehen wir heute?
Ich überspringe jetzt ein paar Generationen bis in die heutige Zeit. Ich glaube, der grosse Schritt, den die Country-Szene gemacht hat – und weshalb sie heute so gross ist – war die Entwicklung hin zum Pop. Country ist Pop, und Pop ist Country. Frauengrössen wie Taylor Swift haben ebenfalls ihren Beitrag dazu geleistet. Sagen wir es so: Ich glaube, es gibt heute viele sehr gute, hochkarätige Künstler, hochtechnisierte Shows, viel ausgeklügelter als vor 40 bis 50 Jahren.
Ist die Country Music unpolitischer geworden?
Wir leben aktuell in einer sehr polarisierten Welt und blicken besorgt über den Ozean in ein wieder stärker gespaltenes Amerika. Mein Leben ist noch zu kurz, um beurteilen zu können, ob das, was wir in diesen Tagen erleben, ein tiefer Riss ist, den es bisher noch nie gab – oder ob es eine jener Auseinandersetzungen ist, die es in den USA von Zeit zu Zeit immer wieder gibt. So wie in den 60er- und 70er-Jahren mit Rassentrennung, Martin Luther King und dem Vietnamkrieg. Die Frage ist auch heute wieder erlaubt: Wo führt das noch hin, was wir gerade sehen und lesen? Ich wünsche mir – wie damals, als ich noch in den USA gelebt
habe –, dass es Künstler gibt, die die Welt vereinen können. Es fehlt momentan an einer Integrationsfigur wie Johnny Cash.














































