Jonas Lüscher
«Literatur ist die Kunst der Mehrdeutigkeit»
TEXT: HANS-UELI TSCHANZ
BILDER: DOMINIQUE ULDRY
Jonas Lüscher (geb. 1976) wuchs in Bern auf. Nach einer Lehrerausbildung übersiedelte er nach München, wo er erst als Dramaturg tätig war, bevor er sich 2005 an der Hochschule für Philosophie München einschrieb. 2011 begann er an der ETH Zürich ein Doktorat in Philosophie. 2012 kam sein Libretto zu einer Oper von Mathis Nitschke zur Aufführung. Sein Erstling «Frühling der Barbaren» wurde für den Deutschen und für den Schweizer Buchpreis nominiert. Lüscher erhielt mehrere Auszeichnungen; für seinen zweiten Roman «Kraft» wurde er 2017 mit dem Schweizer Buchpreis geehrt. Jonas Lüscher war 2025 Gast beim Literarischen Herbst in Gstaad.
Herr Lüscher, wie haben Sie den Literarischen Herbst in Gstaad erlebt? Kannten Sie unsere Region bereits von früheren Besuchen, und wurden Sie vom Umfeld und den gemachten Bekanntschaften positiv inspiriert?
Ich kenne die Gegend seit meiner Jugend. Die Grosseltern eines Schulfreundes hatten eine Ferienwohnung in Schönried, die wir benutzen durften, um Ski zu fahren, und wenn das Wetter schlecht war, kann ich mich erinnern, sind wir nach Gstaad ins Hallenbad gefahren. Dann habe ich später, da war ich vielleicht 22, als Kameraassistent und Produktionsassistent bei zwei indischen Filmproduktionen mitgemacht und war mit der Crew mehrere Tage in Hotels in Gstaad und Saanenmöser untergebracht. Und schliesslich durfte ich vor einigen Jahren bereits am Literarischen Herbst teilnehmen. Da habe ich mit meiner Novelle «Frühling der Barbaren», zusammen mit meiner französischen Übersetzerin, die inoffizielle Eröffnung des Festivals für Gäste des Sponsors bestritten – ausgerechnet im Gstaad Yachtclub.
Wie wichtig sind Literaturfestivals für Sie als Schriftsteller?
Sie sind ausgesprochen wichtig, weil sie eigentlich der einzige Ort sind, an dem wir anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern begegnen. Normalerweise sind wir auf Lesereisen allein unterwegs. Fast alle meine Kontakte zu Schreibenden habe ich auf Festivals gemacht. Dabei sind auch wichtige Freundschaften entstanden.
Was haben Sie für eine persönliche Beziehung zu Ihren bisher veröffentlichten Büchern? Sind diese stark autobiografisch geprägt oder reine Fiktion? Muss man alles selbst erlebt haben, um darüber zu schreiben?
Das hat sich mit dem neuesten Roman «Verzauberte Vorbestimmung» ziemlich verändert. Die Bücher davor sind geprägt von einem ganz distanzierten, ironischen Schreiben. Die Protagonisten in diesen Büchern haben wenig oder gar nichts mit mir zu tun. Im neuen Roman gibt es jetzt zum ersten Mal einen Ich-Erzähler, der ganz deutlich autobiografische Züge trägt. Das hat damit zu tun, dass ich das Buch vor der Pandemie zu schreiben begonnen habe, und es ist ein Buch über die Beziehung zwischen Menschen und Technologien, zu grossen Teilen auch ein technikkritisches Buch. Dann bin ich ganz früh in der Pandemie schwer an Corona erkrankt, war sieben Wochen im Koma und habe mein Überleben nur der Hochtechnologie zu verdanken, war in diesen Wochen auch eine Art Mensch-Maschine-Wesen, ein Cyborg, ganz und gar abhängig von zahllosen Maschinen. Als ich dann, so anderthalb Jahre später, wieder gesund genug war, um ans Schreiben zu denken, habe ich neu über den Text nachgedacht und rasch verstanden, dass diese Erfahrung natürlich in dieses Buch hineinmuss. Leicht war das für mich nicht. Ich bin ein eher diskreter Mensch, und das Schreiben über mich selbst hat mich davor nie interessiert – und dann ausgerechnet noch eine Krankheitsgeschichte ausbreiten… Aber es war notwendig und gut, dass ich es gemacht habe. Generell bin ich aber nicht der Meinung, dass man nur darüber schreiben kann oder soll, was man selbst erlebt hat. Das ist eine sehr eigenartige und limitierte Vorstellung von Kunst. Das macht doch das Schreiben gerade aus, dass wir Schreibenden uns eben in andere Wesen hineindenken. Eine der Figuren in «Verzauberte Vorbestimmung» ist eine ägyptische, lesbische Androidin, die in der Zukunft lebt. Nicht gerade eine Figur, die viel mit mir und meinem Erleben zu tun hat, und dennoch habe ich mich in sie hineingedacht, um über sie schreiben zu können.
Gibt es für Sie Autobiografisches, das Sie zu Lebzeiten nicht veröffentlichen würden?
Ich wäre sehr vorsichtig, über Familie und Freunde zu schreiben. Das würde ich, sofern sie im Text erkennbar sind, nur mit deren Zustimmung machen. Ansonsten gilt für die Literatur: Man muss über alles schreiben können.
Sind Sie ein politischer Mensch? Wie stark werden Ihre Texte vom Zustand der aktuellen Weltlage geprägt?
Durch und durch – und diese Antwort gilt für beide Fragen. Ich bin ein durch und durch politischer Mensch, und meine Bücher werden durch und durch von der aktuellen Weltlage geprägt. Ausgangspunkt für mein Schreiben ist immer eine Frage an die Welt in ihrem gegenwärtigen Zustand.
Hilft Ihnen das Schreiben beim Herausfinden, wer Sie wirklich sind?
Ich interessiere mich nicht so furchtbar für mich selbst. Ich will eher etwas über die Welt herausfinden.
Geht verinnerlichtes Schreiben zwangsläufig mit asozialem Verhalten gegenüber dem persönlichen Umfeld einher?
Ich hoffe nicht. Asoziales Verhalten ist nie entschuldbar, auch nicht durch die Kunst oder vermeintliches Genie. Es kann sein, dass ich, wenn ich besonders intensiv mit einem Buchprojekt beschäftigt bin, etwas absorbiert bin, aber dafür hat meine Frau, die Theaterregisseurin ist und das natürlich von sich selbst kennt, Verständnis – aber asoziales Verhalten würde sie, zu Recht, nicht akzeptieren.
Könnte man sagen, Literatur sei die rhetorische Entfaltung der eigenen Erfahrungen?
Nein, Literatur und Rhetorik sind zwei sehr unterschiedliche, fast gegensätzliche Unternehmungen. In der Rhetorik will man einen Punkt machen, ein Argument vertreten und sein Gegenüber von der Richtigkeit des Gesagten überzeugen. Die Rhetorik ist die Kunst der Eindeutigkeit. Gute Literatur will all das nicht. Meine Bücher sind keine Argumente, ich will keinen Punkt machen, ich will damit niemanden von irgendwas überzeugen. Richtigkeit und Wahrheit interessieren mich beim literarischen Schreiben nicht. Die Literatur ist die Kunst der Mehrdeutigkeit.
Jonas Lüscher im Gespräch mit Markus Iseli, Präsident Literarischer Herbst Gstaad.
Nehmen Sie Bücher wieder zur Hand, welche Sie in früheren Lebensabschnitten mit Inbrunst lasen, und finden Sie darin neue Passagen, die Ihnen neuerdings mehr bedeuten?
Ja, das mache ich immer wieder. Und weil ich viele wichtige Bücher sehr früh, als Jugendlicher, gelesen habe, ist das Wiederlesen oft eine ganz neue Erfahrung, weil ich sie jetzt doch aus einer ganz anderen Perspektive lese. Vor ein paar Jahren habe ich Sartres Trilogie «Wege der Freiheit» wiedergelesen, die ich als 16-Jähriger zum ersten Mal gelesen habe und die mir damals unfassbar wichtig war. Ich war sehr nervös, als ich sie wieder zu lesen begann, und befürchtete, sie würde mir vielleicht nichts mehr bedeuten, ich würde gar nicht mehr verstehen, weshalb das mal so wichtige Bücher für mich waren. Aber erfreulicherweise habe ich sie wieder gern gelesen, allerdings habe ich bemerkt, dass mich Passagen, die mich damals sehr begeisterteten, heute weniger interessieren und dafür anderes viel wichtiger ist. Und gerade lese ich «Der Mann ohne Eigenschaften» wieder. Auch diesen Roman habe ich als 16-Jähriger zum ersten Mal gelesen – zumindest teilweise; ich weiss nicht mehr, wie weit ich damals gekommen bin. Jedenfalls liest sich der Roman für mich gerade, als würde ich ihn zum ersten Mal lesen.
In Ihrem Buch «Kraft» geht es um New Economy und Old Europe. Läuft Old Europe Gefahr, ein kulturpolitisches Auslaufmodell zu werden?
Wenn wir in einer Sache nicht in Gefahr laufen, gegenüber dem Rest der Welt ins Hintertreffen zu geraten, dann ist es die kulturelle Vielfalt und die Qualität der europäischen Kulturszenen. Die Kultur – im Sinne einer innovativen und kritischen Avantgarde – ist aber global gesehen unter Druck, weil fast überall die nationalistischen Rechten an die Macht kommen. Das wäre – das zeigt bereits die Lage in Ungarn, Russland und neuerdings Italien – das Ende der lebendigen und avantgardistischen Kultur. Die AfD propagiert in Deutschland bereits das Ende des Flachdachs…
Wie gehen Sie mit Kritik um?
Wenn sie klug ist, versuche ich, sie ernst zu nehmen; wenn sie es nicht ist, versuche ich, sie nicht zu wichtig zu nehmen. Das Problem besteht darin, dass mich Kritik schon verletzen kann. Verletzungen trüben aber gelegentlich die Urteilskraft, und dann bin ich eventuell nicht mehr in der Lage, zu erkennen, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht.
Ihre Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Ist es dann immer noch Ihre Sprache?
Eine gute Übersetzung ist eine Übertragung meiner Sprache in eine andere Sprache, die aber meiner so nah kommt, wie es die neue Sprache zulässt. Leider kann ich ganz selten beurteilen, ob eine Übersetzung gut ist. Das traue ich mir im Englischen zu, im Französischen schon nicht mehr so recht. Arabisch, Belarussisch, Finnisch … da muss ich vertrauen. Darum ist es schön und hilfreich, wenn ich mit meinen Übersetzerinnen ins Gespräch komme. Wenn ich sehe, dass sie kluge Fragen zum Text stellen, dass sie sich wichtige Gedanken zur Sprache und zur Literatur machen, dann kann ich davon ausgehen, dass die Übersetzung schon recht sein wird.
Muss man als Schriftsteller viel reisen, um gute Bücher zu schreiben?
Nicht unbedingt. Es gibt in der Literaturgeschichte berühmte Beispiele von Stubenhockern: Karl May, Kant, Shakespeare, Kafka reiste auch eher ungern… Ich selbst habe meine in Tunesien spielende Novelle «Frühling der Barbaren» geschrieben, ohne in Tunesien gewesen zu sein. Das war sogar Absicht. Die Novelle spielt in einem tunesischen Touristenresort, und ich wollte mir einen ganz europäischen, fremden Blick bewahren. Aber für meine anderen Bücher gilt das nicht. Für diese bin ich viel gereist. Meinen im Silicon Valley spielenden Roman «Kraft» konnte ich so nur schreiben, weil ich neun Monate an der Stanford University zu Gast war. «Verzauberte Vorbestimmung» ist in gewisser Hinsicht sogar ein Reisebuch. Ich nehme die Leserinnen und Leser auf drei Reisen mit: nach Frankreich, ins tschechische Varnsdorf und nach Ägypten. Die Recherche – ob in Büchern, im Netz oder eben auf Reisen – ist es, die mein Schreiben vorantreibt und leitet. Wenn ich zu Recherchezwecken reise, reise ich immer allein; nur so erreiche ich die notwendige Durchlässigkeit.














































