Literarischer Herbst 2025

EVENT

Literarischer Herbst 2025

Was uns literarisch bewegte

Literarischer
Herbst 2025

Was uns literarisch bewegte

TEXT: MARKUS ISELI / FOTOS: DOMINIQUE ULDRY

Das Literaturfestival öffnete zum 15. Mal seine Türen für das Publikum.
Mit einer Mischung aus bewährten und neuen Formaten bot es während vier Tagen einen bunten Strauss an Veranstaltungen und war Ort für spannende Begegnungen.

Iwan Wirth war am Aufbau meiner Sammlung stark beteiligt.

Anton Weil im Gespräch mit Moderatorin Noëmi Schöb über seinen Roman «Super einsam».

 

Neue Formate
Der Literarische Herbst Gstaad entwickelt sich im bestehenden Rahmen konstant weiter. So wurden für die Ausgabe 2025 gleich zwei neue Workshop-Formate eingeführt, die beide auf grosse Resonanz stiessen.
Der Schreibworkshop mit dem Berner Autor Flurin Jecker war nach dessen eigener Lesung am Donnerstagabend komplett ausverkauft. In diesem konzentrierten, zweistündigen Format leitete Jecker die Teilnehmer:innen lebendig, humorvoll und auch hier unterhaltsam durch erste Schreibversuche.
Die Kunstvermittlerin Theres Rütschi, die ebenfalls im Organisationskomitee des Festivals ist, bot in einem ähnlich konzen-trierten Format einen Zeichen-Workshop an. Speziell war, dass die Teilnehmer:innen im Anschluss an Lesungen das Gelernte direkt umsetzen konnten. Nebst dem Zeichnen lernten sie auch eine andere Form des Zuhörens kennen.

 

Bewährte Qualität
Nebst diesen Neuerungen bot der Literarische Herbst Gstaad wieder einmal ein qualitativ hochstehendes und unterhaltsames Programm an dezentralen Leseorten. Und das Publikum blieb nicht aus. Ob am Eröffnungsabend in der Jugendherberge, am Freitag im Saanerhof, am Samstag im kleinen Landhaus und im Gstaaderhof oder am Sonntag im Arc-en-Ciel, es waren nur vereinzelt Plätze frei geblieben.
Am Freitag- und Samstagabend mussten sogar noch Sitzgelegenheiten organisiert werden, so gross war der Andrang. Mit Cemile Sahin und Anton Weil lockten am Freitag zwei junge Stimmen das Publikum in den Saanerhof. Sahin, die auch Filmemacherin und Künstlerin ist, führte locker und frech durch ihren Gangster-Roman «Kommando Ajax».  Und spätestens bei der Lesung von Weil blieb kein Auge mehr trocken. Als Schauspieler und Musiker bot er eine humorvolle Performance aus seinem Debütroman «Super einsam». Ein junger Mann findet sich selbst, oder eben auch nicht, und kämpft beim Flirten im Supermarkt gegen eine Panik-attacke. Mit Humor erzählt Weil ernste Themen. 

Iwan Wirth war am Aufbau meiner Sammlung stark beteiligt.

Luc Debraine stellte den Bildband «De Cocteau à Simenon» vor, mit Fotografien seines Vaters von berühmten Schriftsteller:innen.

Zusammenarbeit wachsen lassen
Zum zweiten Mal zeichnete sich die Librairie des Alpages für die französischsprachige Lesung am Samstagmorgen verantwortlich. Das frankofone Element trägt der Literarische Herbst – Automne littéraire schliesslich schon im Logo. Und die Librairie des Alpages bietet mit der Verlagsgruppe Libella von Vera Michalski im Rücken grossartige Möglichkeiten. In diesem Jahr wurde ein Bildband mit Portraits von Autor:innen vorgestellt. Dieser enthält Fotografien des bekannten Fotografen Yves Debraine. Vorgestellt wurde dies von seinem Sohn Luc Debraine, der das Bildarchiv seines Vaters kuratiert und sich für den Portraitband bekannter und weniger oder nicht mehr so bekannter Autor:innen verantwortlich zeichnet. Das grosse Hintergrundwissen und die vielen Anekdoten, die Luc Debraine mitbrachte, erlaubten Blicke hinter die Kulissen und bereicherten den Bildband auf höchst unterhaltsame Weise. Weiterwachsen kann auch die Kollaboration mit der Stiftung für Literaturvermittlung Litar. Deren Leiterin, Christa Baum-berger führt seit mehreren Jahren die Diskussionsrunde am Sonntagnachmittag. Auch 2025 überzeugte sie mit ihrem Gast Esther Spinner und dem Gespräch über das Werk von Verena Stefan und deren Auswirkung auf die feministische Bewegung in der Schweiz.
Zusammenarbeit braucht es auch auf organisatorischer Ebene. Der Gstaaderhof bietet dem Literarischen Herbst Gstaad ein Zuhause für das Festivalwochenende. Mit einem -Spezialangebot für Festivalbesucher und Literaturver-anstaltungen, durchs Jahr verteilt, wird mit dem Gstaaderhof Bewährtes ausgebaut. 

Highlight am Samstagabend
Der Samstagabend findet ebenfalls im Gstaaderhof statt und war mit dem kontrastreichen Programm ein Highlight. Zum einen war da Jonas Lüscher, der die ganz grossen gesellschaftlichen Themen in seinen Romanen bearbeitet, so auch in seinem jüngsten Werk «Verzauberte Vorbestimmung».
Die freischaffende Künstlerin Dinah Wernli bot mit ihrer Graphic Novel «Louise» den wortkargen, aber bildstarken Kontrast dazu. Ein Abend mit vielen Facetten, die viel Gesprächsstoff für das anschliessende Apéro boten. Literatur erlebbar machen, Autor:innen und ihre Werke zugänglich machen, Begegnungen ermöglichen, Diskussionsräume schaffen und Unterhaltung bieten: Das war der Literarische Herbst Gstaad 2025.

Iwan Wirth war am Aufbau meiner Sammlung stark beteiligt.

1 Christa Baumberger von der Stiftung Litar führt das Gespräch mit Esther Spinner über die Schweizer Autorin Verena Stefan (1920–1970) und ihr autobiografisches Romandebüt «Häutungen», welches 1975 erschien.

2 Cemile Sahin liest im Saanerhof aus ihrem Roman «Kommando Ajax», der sich liest wie eine Mischung aus Actionfilm und Komödie.

3 Das Team: Theres Rütschi, Aleksandra Milosevic, Klaus Breuninger, Noëmi Schöb, Rosa Reiter und Markus Iseli. Krankheitsbedingt fehlt Leonora Schulthess.

4 Dinah Wernli signiert beim Apéro nach der Lesung ihre Graphic Novel mit individuellem Druck.