Rohr Lauenen
Ein Spaziergang zu den Tristen mit Gemeinde-präsidentin Ruth Oehrli, Karl-Friedrich Scheufele
und Landbesitzer Ueli Perreten-Hauri
TEXT: HANS-UELI TSCHANZ
BILDER: RAPHAEL FAUX
Im Buch «Lauenen – ein Blick in die Vergangenheit» von Victor Brand äussert sich Karl-Friedrich Scheufele, Co-Präsident Chopard, zur Geschichte und Faszination des Lauenentals. Er bezeichnet die Gegend seit 35 Jahren als seine zweite Heimat und ist mittlerweile Bürger der Gemeinde. Wenn er an Lauenen denkt, dann fallen ihm Begriffe ein wie Familie, Harmonie, Ausgleich, Natur, Skitouren, Bergwandern, Stille, Langsamkeit, Einkehr, Inspiration, Zufriedenheit und einiges mehr. Die Landwirtschaft bilde parallel zum Tourismus das Rückgrat dieser einmaligen Landschaft, und dafür stehe als Beispiel die fast vergessene Tradition der Tristen im Lauener Rohr, deren Aufrichtung und Erhalt seine Familie seit 20 Jahren aktiv unterstützt. Er schliesst seine Widmung im Buch mit den Worten: «Wir müssen Sorge tragen, dass das schöne Lauenental mit seinem symbolträchtigen See auch zukünftigen Generationen Freude bereitet.»
Vor diesem Hintergrund begeben wir uns am 1. September auf einen gemeinsamen Spaziergang im Lauener Rohr und werden begleitet von der dortigen Gemeindepräsidentin Ruth Oehrli und Ueli Perreten-Hauri, einem der vielen Landbesitzer und noch verbliebenen Tristenbauer im Auen- und Feuchtgebiet Rohr.
Aber weshalb genau am 1. September? Es ist das Datum, an dem nach den Bestimmungen zum Schutz der Moore der Schnitt der Streumahd und der Tristenbau im Rohr jährlich beginnen darf. Im Rahmen der vom Schweizer Stimmvolk Ende 1987 angenommenen Rothenthurm-Initiative zum Schutz der Moore wurde das Auen- und Feuchtgebiet Rohr im Talboden südlich des Dorfes Lauenen unter Schutz gestellt. Das Gebiet stellt heute den grössten nicht entwässerten Talboden im Berner Oberland dar und wurde aufgrund der vielfältigen Naturwerte in die jeweiligen Bundesinventare der Auengebiete, Flachmoore und Flachmoorlandschaften von nationaler Bedeutung aufgenommen.
Nebst anderen wichtigen Gründen der Erhaltung eines botanisch wertvollen, voralpinen Flachmoors, das durch regelmässige Streumahd geprägt wird, ist das Lauener Rohr auch ein bedeutender Brut- und Rastplatz für Sumpf- und Wasservögel sowie ein wichtiger Amphibienlaichplatz. Ein weiteres Ziel der Unterschutzstellung ist die Gewährleistung der traditionellen Bewirtschaftung. Das getrocknete Mähgut wird im Herbst an Holzstangen zu sogenannten Tristen aufgeschichtet, über den Winter so gelagert, im darauffolgenden Herbst eingebracht und letztlich im Stall zum Einstreuen verwendet. Der Kanton Bern hat mit den Landwirten sogenannte Bewirtschaftungsverträge abgeschlossen, welche die Nutzung, den Schnittzeitpunkt oder ein Düngeverbot regeln.
Das Lauener Rohr ist also mit seiner grossartigen, einmaligen Naturschönheit zu allen Jahreszeiten beliebt bei Einheimischen und Gästen aus aller Welt für Wanderungen, Langlauf und Kutschenfahrten. Auf vielen Fotografien sind die dortigen Wunder der vier Jahreszeiten mittlerweile festgehalten.
Ueli Perreten-Hauri ist einer der vielen Landbesitzer im Rohr und einer, der jährlich noch Tristen aufschichtet. Er betrachtet das Rohr als etwas unglaublich Schönes – und zwar zu allen Jahreszeiten: im Frühjahr das Erwachen und Pfeifen der Vögel, im Sommer die Faszination, wenn das Schilf am Wachsen ist, im Herbst, wenn es überall farbig wird, und im Winter mit Langlaufloipe und präparierten Wanderwegen, wo man in der Kälte vor einem überwältigenden Bergpanorama das wundervolle Entstehen der Kristalle an den Büschen und Bäumen beobachten kann. «Mit der Feuchtigkeit und Kälte aus dem Bach bauen sich die Schneekristalle auf – man kann dabei fast zuschauen», schwärmt Ueli Perreten-Hauri. Und, gezogen durch diese paradiesische Winterlandschaft, fände man zwar nicht eine der längsten Langlaufloipen, aber weit und breit eine der schönsten, ist Ueli Perreten-Hauri überzeugt. Winter für Winter sehr professionell und mit viel Liebe zum Detail gepflegt von Loipenchef Patrick Westemeier und seinem Team. Wenn es zwischendurch regnet und das Wasser vom Grund her durchdrückt, sei der lokale Loipenchef vor Ort und sorge für eine optimal befahrbare Spur.
Die Lauener Gemeindepräsidentin Ruth Oehrli wohnt mit ihrem Mann, Bergführer Daniel, in einem der wenigen Häuser im Rohr: «Im Frühjahr erwacht die Natur – und mit ihr die Frösche. Die Frösche steigen aus dem Bach und zeigen sich mit ihrem Gequake.»
Rohn, Lauenen
“One of the most beautiful spots on earth”
In Victor Brand’s book “Lauenen – Ein Blick in die Vergangenheit” (a Look into the Past), Karl-Friedrich Scheufele, Co-President of Chopard, comments on the history and fascination of the Lauenen Valley. He has been calling the region his second home for 35 years and is now a citizen of the commune. When he thinks of Lauenen, he comes up with such terms as family, harmony, work-life balance, nature, ski touring, mountain hiking, silence, slowness, contemplation, inspiration and satisfaction. In parallel with tourism, agriculture is the backbone of this unique landscape. As an example of this, he cites the almost forgotten tradition of the “Tristen” (piles of reeds) in the Lauenen Rohr, whose erection and preservation has been actively supported by his family for 20 years. He concludes his dedication in the book with the words: “We must ensure that the beautiful Lauenen Valley with its highly symbolic lake will also bring joy to future generations.” Lauenen was recently named a mountaineering village – an award par excellence for Karl-Friedrich Scheufele and proof that many things are still in a good state here. His parents had already settled here in 1978, and Karl-Friedrich and his wife Christine are now citizens of the commune of Lauenen.“At the time, my parents had also considered Gstaad, but even then, they preferred Lauenen. And our children, when they were still young, loved the nature in Lauenen best.”
Rohr, Lauenen
«L’un des plus beaux endroits du monde»
Dans le livre «Lauenen – ein Blick in die Vergangenheit» (Lauenen, un regard sur le passé) de Victor Brand, Karl-Friedrich Scheufele, co-président de Chopard, s’exprime sur l’histoire et la fascination qu’exerce la vallée de Lauenen. Voilà trente-cinq ans qu’il considère cette région comme sa deuxième patrie et il est désormais bourgeois de la commune. Quand il pense à Lauenen lui viennent à l’esprit des termes tels que famille, harmonie, équilibre, nature, randonnées à ski, randonnées en montagne, calme, lenteur, ressourcement, inspiration et contentement. Outre le tourisme, l’agriculture constitue la colonne vertébrale de ce paysage unique. Il donne pour exemple la tradition presque oubliée des meules de roseaux (Tristen) au Rohr, à Lauenen, dont sa famille soutient activement la réalisation et la préservation depuis une vingtaine d’années. Il conclut la dédicace du livre par ces mots: «Nous devons veiller à ce que la belle vallée de Lauenen et son lac symbolique puissent continuer à procurer de la joie aux générations futures.» Lauenen a récemment été nommé village d’alpinistes, une distinction par excellence et une preuve qu’ici beaucoup de choses sont encore vraies, selon Karl-Friedrich Scheufele. Ses parents s’y sont déjà installés en 1978, et Karl-Friedrich, avec son épouse Christine, sont citoyens de la commune de Lauenen: «À l’époque, mes parents s’étaient également intéressés à Gstaad, mais déjà à ce moment-là, ils avaient préféré Lauenen. Et nos enfants, lorsqu’ils étaient encore petits, préféraient la nature à Lauenen.»
Für Ruth Oehrli ist es schlicht einer der schönsten Flecken auf Erden: «Im Sommer und Herbst, wenn der Wind in das Streugut weht und das Rauschen zu hören ist, wähnst du dich irgendwo am Meer», schwärmt die Gemeindepräsidentin.
Die Familien Scheufele und ihre Firma Chopard haben vor 20 Jahren ein von Prinz Sadruddin Aga Khan und seiner Bellerive-Stiftung initiiertes Projekt Alp Action in der Region Rohr Lauenen finanziell unterstützt. Verschiedene Projekte für Wald-, Fluss- und Moorschutz konnten dank dieser Kooperation ermöglicht werden und finden heute noch nachhaltige Fortsetzung durch die jährliche finanzielle Unterstützung einiger Landbesitzer für den Tristenbau. Mit Überzeugung und Freude soll diese Tradition fortgesetzt werden, weil Lauenen einmalig sei und man Sorge tragen müsse, dass das auch so bleibe, hält Karl-Friedrich Scheufele stellvertretend für seine Familie fest. Dazu gehöre auch die Tradition mit den Tristen. Das sei ein Handwerk, das man weitergeben müsse – wie bei seinem Familienunternehmen Chopard, wo etwa vierzig verschiedene Handwerksberufe durch die ständige Ausbildung von Lehrlingen am Leben erhalten werden. «Weil wir sonst am Ende ein Problem in der Schweizer Uhrenindustrie haben – und ich finde, genau so sieht es auch in der Landwirtschaft und in diesem wunderschönen Tal aus. Auch da ist es wichtig, dass alles so erhalten bleibt. Nicht zuletzt deswegen haben wir in Lauenen auch Besucher aus der ganzen Welt, die diese Region lieben. Am Ende möglicherweise zu viele davon – aber das ist dann wieder eine andere Sache.»
Immerhin sei Lauenen ja neulich zum Bergsteigerdorf gekürt worden. Karl-Friedrich Scheufele sieht darin eine Auszeichnung schlechthin und einen Beweis dafür, dass hier vieles noch stimmt. Seine Eltern sind bereits 1978 hergezogen, und Karl-Friedrich mit seiner Frau Christine sind nun Bürger der Gemeinde Lauenen. «Meine Eltern hatten sich damals auch in Gstaad umgesehen, aber Lauenen hat ihnen schon damals am besten gefallen. Und unsere Kinder, als sie noch klein waren, zogen die Natur in Lauenen vor.»
Karl-Friedrich Scheufele ist persönlich viel in den Bergen unterwegs – und zwar mit seinem Freund und Bergführer Daniel Oehrli. «Überall dorthin, wo es keinen Lift gibt.» Genau deshalb sei er auch nur ein sehr passives Mitglied des Eagle Ski Clubs in Gstaad, wie er mit einem Schmunzeln ergänzt. Und Ruth Oehrli fügt hinzu: «Mein Mann Daniel hat schon früh gespürt, dass Karl-Friedrich die Ruhe der Natur suchte – das Verbundensein mit der Natur.» Und zu ihm hin blickend sagt sie: «Du beschreibst deine Touren ja regelmässig in deinem Tagebuch: Höhenmeter, Wetter, besondere Vorkommnisse – nachzulesen bis zurück ins Jahr 2000.»
Aber was bedeutet das für die Gemeinde Lauenen, wenn Wirtschaftskapitäne sich entschieden haben, hier zu bleiben? Dazu die Gemeindepräsidentin: «Für mich ist es in diesem Fall schwierig zu sagen. Ich bin erst später in das Gemeindepräsidium hineingewachsen. Wir hingegen kennen uns schon seit Langem und sehr gut. Aber ja, wir haben Gäste und Chaletbesitzer bei uns, die regelmässig übers Jahr und zu allen Jahreszeiten hierher nach Lauenen zurückkommen und dabei ihren Seelenfrieden wiederfinden.»



















































