EDITORIAL

Tristenbauen im Bergsteigerdorf versus Influencer-Posts und Blogger-Empfehlungen

Wie kann Tourismus funktionieren, ohne unsere Gemeinschaft zu belasten oder die Natur zu über­fordern? Es ist eine Gratwanderung, ein Balanceakt – immer das Ziel vor Augen, als Team gemeinsam das scheinbar Unmögliche zu schaffen. Ich durfte dabei sein, als uns einer der raren Tristenbauer von Lauenen geduldig und mit leuchtenden Augen seine Herbstarbeit erklärte. Sehr wichtig beim Tristenbauen seien der trockene Standort, ein gut verankerter Tristbaum, der einige Meter hoch ist – also das Fundament – und die Zielrichtung nach oben. Ein eingespieltes Team schichtet das Rohrschilf oder die «Lische» um den Tristbaum. Der Balanceakt beginnt: Wer oben steht, hat den Überblick und den Weitblick, wandert 360 Grad um den Tristbaum, hält das Gleichgewicht – immer mit dem Ziel vor Augen: die schöne Triste, in der das Schilf während eines Jahres gut verrottet und danach im Stall als Einstreu verwendet wird. Die Tristenbauer sind bei ihrer Arbeit nie allein. Immer wieder halten Wanderer an, stellen Fragen, zeigen Interesse – es entstehen anregende Gespräche. Wertschätzung, Masshalten, Langsamkeit und Achtsamkeit vereint das «Tristenbauen im Tourismus» als Sinnbild einer Gegenbewegung zur schnelllebigen Influencer- und Bloggerwelt. Es geht nicht darum, die Augen vor der weltweiten Aufmerksamkeit zu ver­schliessen, sondern sie in eine Richtung zu lenken, die dem Ort und seinen Menschen guttut. Beschaulichkeit ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine ­lebendige Praxis: Sie zeigt sich in dem, was bleibt, wenn Smartphone-Apps schweigen. Die Kunst besteht darin, dem Schneller-und-­Weiter-Modus zu wider­stehen und sich auf das zu konzentrieren, was unsere Region seit jeher ausmacht: Qualität statt Quantität, Nähe zur Natur statt Nähe zur digitalen Bühne – und eine Gastfreundschaft, die sich Zeit nimmt für Gespräche, für Pausen, für den Blick aufs Wesentliche, ganz nach dem Vorbild unserer Tristenbauer in Lauenen. Mögen die kommenden Monate, bis das nächste «Gstaad My Love» erscheint, uns daran er­innern, dass guter Tourismus in der Qualität der Begegnungen liegt – mit dem Rundblick des Tristenbauers zuoberst auf seinem imposanten Werk, das durch ein gut eingespieltes Team entstanden ist.

Construction de meules de roseaux dans le village d’alpinistes versus publications d’influenceurs et recommandations de blogueurs

Comment le tourisme peut-il fonctionner tout en préservant la nature et sans être une charge pour notre communauté? C’est un numéro d’équilibriste, une recherche constante d’équilibre que de toujours garder en vue l’objectif: réaliser ensemble, comme équipe, ce qui paraît impossible. J’étais présente lorsque l’un des rares paysans de Lauenen qui fait des meules de roseaux (Tristen) nous a expliqué son travail d’automne, patiemment et avec les yeux brillants. Lorsqu’on construit une meule de roseaux, ce qui est important, ce sont un lieu sec, un piquet de quelques mètres de haut bien ancré dans le sol, c’est-à-dire la base, et le but: la monter. Une équipe bien rodée entasse les roseaux (Lische). Le numéro d’équilibriste commence. Celui qui se tient en haut a une vue d’ensemble et une vision globale, fait tout le tourdu piquet à 360 degrés, maintient l’équilibre, en gardant toujours l’objectif en vue: la belle meule, dans laquelle le roseau se décompose bien durant une année avant d’être employé comme litière à l’étable. Les paysans qui font des meules de roseaux ne sont jamais seuls lorsqu’ils travaillent. Régulièrement, des promeneurs s’arrêtent, posent des questions, montrent de l’intérêt; il s’ensuit des discussions intéressantes. Dans le tourisme, valorisation, sobriété, lenteur et respect sont des valeurs qui caractérisent la «construction de meules de roseaux», comme symbole d’un mouvement à contre-courant du monde effréné des influenceurs et des blogueurs. Il ne s’agit pas de fermer les yeux et de s’isoler du vaste monde, mais de les tourner dans une direction qui fait du bien au lieu et à ses habitants. La sérénité n’est pas une relique du passé, mais une pratique vivante: elle se manifeste dans ce qui reste lorsque les smartphones et leurs applications se taisent. Tout l’art consiste à résister à la tendance «plus vite-plus loin» et à se concentrer sur ce qui constitue notre région depuis toujours: la qualité plutôt que la quantité, la proximité avec la nature plutôt que celle avec la scène numérique, et une hospitalité où l’on prend le temps pour discuter, pour faire des pauses, pour regarder à l’essentiel, à l’image de notre paysan de Lauenen qui fait des meules de roseaux. Puissent les mois qui viennent, jusqu’à la parution du prochain «Gstaad my Love», nous rappeler qu’un bon tourisme réside dans la qualité des rencontres. Et ce, avec la vue d’ensemble qu’a le paysan qui fait une meule, du haut de son imposante œuvre, résultat du travail d’une équipe bien rodée.

Ruth Oehrli

Gemeindepräsidentin Lauenen

Liebe Leserinnen und Leser

Wenn prominente Wirtschaftsführer erzählen, bieten sie Einblicke in ein kompliziertes Konstrukt von Zusammenhängen mit schicksalhaften Entscheidungen. So auch Thomas Straumann, ein Shooting-Star am Schweizer Wirtschaftshimmel und äusserst erfolgreicher Pionier auf dem Sektor Medizinaltechnik. Für eine kurze Begegnung und eine faszinierende Lebensgeschichte kehrte er an einem Herbsttag zurück nach Gstaad, welches für einige Jahre sein Wohnort gewesen war. (Seite 8)

Daniel Hope wird im Saanenland gerade gefeiert als neuer Intendant des Menuhin Festival. Abseits seiner musikalischen Karriere interessiert mich für einmal sein bewegendes Leben im Schatten des Scheinwerferlichts auf der Bühne. Dass er ursprünglich Tully und nicht Hope heissen sollte, mit seiner Familie aus Südafrika abgeschoben wurde, weil sein Vater Bücher gegen die Apartheid ver­öffentlichte, mit seinen Eltern in England staatenlos lebte, dann plötzlich unerwartet Irländer wurde und an der Abdankungsfeier von Yehudi Menuhin in der Westminster Abbey als junger Musiker seinen ersten grossen Auftritt hatte. (Seite 66)

Langstreckenflüge werden immer länger und verbinden Städte, die so weit voneinander entfernt sind, dass man sich einen Moment überlegt, wie um die Welt herum es für die Flieger kürzer wäre – nach Westen oder nach Osten. Für sich genommen gehören die Strecken von Zürich nach Los Angeles oder Tokyo nicht mehr zu den längsten, aber vielleicht faszinierendsten Nonstop-­Flügen der Welt. Der Saaner Rolf Brand fliegt diese Destinationen regelmässig an, als Kapitän einer Boeing 777, dem stärksten zweistrahligen Flugzeug der Welt mit einem Abfluggewicht von 351 Tonnen. (Seite 94) 

Der Kontrast dazu könnte nicht grösser sein, wenn Jonas Lüscher auf die Frage antwortet, ob man nur gute Geschichten schreiben könne, wenn man viel reist: «Nicht unbedingt. Es gibt in der Literaturgeschichte berühmte Beispiele von ‹Stubenhockern›. Karl May, Shakespeare und Kafka reisten eher ungern.» (Seite 153) 

Die Welt wird religiöser. Nur in Westeuropa breitet sich Beliebigkeit aus. Das sind
schwierige Voraussetzungen, um sich in einer Zeit zu behaupten, die von Kultur­kämpfen geprägt ist. Ein Gespräch mit dem abtretenden Pfarrer von Saanen, Bruno Bader. (Seite 80)

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein gesundes 2026.

Dear Readers

When prominent business leaders tell stories, they provide insights into a complicated structure of inter­relationships with fateful decisions. This is also the case with Thomas Straumann, a shooting star in the Swiss business sky and an extremely successful pioneer in the medical technology sector. For a brief encounter and to answer questions about his fascinating life story, he returned to Gstaad on an autumn day, which was his home for several years. (Page 8)

Daniel Hope is currently being celebrated in the Saanenland as the new artistic director of the Menuhin Festival. Away from his musical career, I am for once interested in his moving life in the shadow of the spotlight on stage. He was originally to be called Tully and not Hope, was deported with his family from South Africa because his father published anti-apartheid books, lived stateless with his parents in England, then suddenly unexpectedly became an Irish citizen and made his first big appearance as a young musician at the memorial service to Yehudi Menuhin in Westminster Abbey. (Page 66)

Long-haul flights are getting longer and longer, connecting cities so far apart that you take a moment to think about in which direction it would be shorter for the planes to fly around the world – to the west or to the east. In their own right, routes from Zurich to Los Angeles or Tokyo are no longer among the longest, but they are perhaps the most fascinating non-stop flights in the world. Rolf Brand from Saanen regularly flies to these destinations as the captain of a Boeing 777, the world’s most powerful twin-engine aircraft with a take-off weight of 351 tonnes. (Page 94) 

The contrast could not be greater when Jonas Lüscher answers the question of whether you can only write good stories if you travel a lot: “Not necessarily. There are well-known examples of ‘stay-at-homes’ in the history of literature. Karl May, Shakespeare, and Kafka did not like to travel much.” (Page 153) 

The world is becoming more religious. Only in Western Europe is arbitrariness spreading. These are difficult conditions for holding your own at a time marked by cultural struggles. An interview with the retiring pastor of Saanen, Bruno Bader. (Page 80)

I wish all readers good health in 2026.

Hans-Ueli Tschanz

Chefredaktor  |  Rédacteur en chef